
KANZLERIN FORDERT CDU-WAHLKAMPF BIS ZUR LETZTEN MINUTE
Zu einer letzten großen CDU-Wahlkampfunterstützung war Bundeskanzlerin Angela Merkel am Abend ins CCH gekommen, ein letztes Mal wollte sie ihrer Partei Kampfeswillen einhauchen: "Die Stunden bis Sonntag, 18 Uhr, müssen genutzt werden", forderte sie Hamburgs Christdemokraten auf. "Meine Geburtsstadt muss ordentlich regiert werden, und dazu brauchen wir die Christlich Demokratische Union." Die CDU stehe für eine Bildungspolitik ohne weitere Schulexperimente. Der Volksentscheid sei eine Lehre gewesen. "Und nun hat man den Willen der Wähler verdammt noch eins zu respektieren." Die SPD dagegen liebäugele immer noch mit Reformexperimenten, warnte die Kanzlerin. In der Wirtschaftspolitik weise Hamburg eine tolle Bilanz auf, weil man auf die Ansiedelung von Umwelttechnologien setze, ohne große Unternehmen zu verscheuchen und ohne Energie unbezahlbar zu machen. Gleichzeitig dränge die Elbvertiefung: "In China wurde ich sofort gefragt: Wie lange dauert das denn noch?", sagte die CDU-Vorsitzende. Auch die Integration sei für Hamburg ein elementares Thema. "Die Christdemokraten haben hier eine vernünftige Integrationspolitik begonnen, die fortgesetzt werden muss, im Sinne von Harburg oder Wilhelmsburg." Hamburg könne darüber hinaus stolz auf seine sinkende Kriminalität sein. Das hätte auch die SPD während ihrer Regierungszeit in Hamburg schaffen können, so Merkel. "Aber Olaf Scholz hat die Chance irgendwie vergeigt."
SPD-CHEF GABRIEL SCHWÖRT DIE GENOSSEN AUF SIEG EIN
Zu Beginn spielten sie "Wonderwall", am Ende "We Are The Champions" - selbstbewusst, fast schon siegessicher präsentierte sich die SPD gestern Abend bei ihrem Wahlkampf-Finale. "In 72 Stunden kriegt die SPD die Mehrheit, und Olaf Scholz wird Bürgermeister. Viel mehr muss man eigentlich nicht mehr sagen", rief der SPD-Bundesvorsitzende Sigmar Gabriel den mehr als 500 Gästen im Hamburg Cruise Center am Chicagokai zu. Auch der Chef der Bundestagsfraktion Frank-Walter Steinmeier und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft waren zum Schaulaufen nach Hamburg gekommen, um noch einmal alle Kräfte für den Endspurt zu mobilisieren. Es gab rote "Olaf"-Schilder und jede Menge Beifall für den Spitzenkandidaten.
"Es geht darum, das alte Bündnis von Kaufmannschaft und Arbeiterschaft wieder zu beleben", schwor Gabriel die Genossen noch einmal auf Sieg ein. Und lobte ausdrücklich Scholz' Coup, Ex-Handelskammer-Präses Frank Horch in seine Mannschaft zu holen. Fast schon wie selbstverständlich stand der mit allen SPD-Granden auf der Bühne. Nur dass Horch statt der SPD-üblichen roten Krawatte eine grüne umgebunden hatte.
Spitzenkandidat Scholz gab sich gestern Abend erneut betont nüchtern: "Umfragen sind keine Wahlergebnisse." Einmal aber gestattet auch er sich ein Grinsen, als Steinmeier mit Blick auf die Berliner Koalition sagte: "Sie können die Laufzeit von Atom verlängern. Die Laufzeit von Ahlhaus werden sie nicht verlängern."
GRÜNEN-FRAKTIONSCHEF TRITTIN KRITISIERT DIE SPD
Bussi links, Bussi rechts - im Umfragehoch von 15 Prozent herrscht Begrüßungszuversicht zum Wahlkampfhöhepunkt der Grünen im Museum der Arbeit. Gelöste Gesichter allerorten, dann akute Traubenbildung: Jürgen Trittin, Fraktionsvorsitzender im Bundestag, ist da. Mit festem Blick geht Trittin nicht - er schreitet.
In seiner kämpferischen Rede nennt er Olaf Scholz wegen dessen Stadtbahn-Nein "konfliktscheu" und kritisiert die Ernennung von Frank Horch zum Schatten-Wirtschaftssenator. Horch befürworte die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke. "Das hat eine deutliche Antwort verdient, und zwar die Kreuze bei Grün. Wer die SPD wählt, wählt schwarz-gelbe Atompolitik." Das Kohlekraftwerk Moorburg sei eine "bittere Niederlage" gewesen, das Mitleid für Christoph Ahlhaus halte sich in Grenzen. "Er muss Angela Merkels Suppe auslöffeln." Erneuerbare Energien und die Netze in die öffentliche Hand - Trittin: "Dafür stehen die Grünen!" Spitzenkandidatin Anja Hajduk geht die SPD ebenfalls hart an. Hamburg dürfe nicht einer roten Alleinregierung oder gar einer rot-gelben Koalition überlassen werden. Gerade in der Innenpolitik brauche es das grüne Korrektiv. "Dem harten SPD-Kurs müssen wir Grenzen setzen." Das Nein zur Stadtbahn zeuge davon, dass sich die SPD im Wahlkampf "in die Büsche haut". Aber, das hebt Hajduk als mögliche Koalitionspartnerin hervor, es gebe auch Schnittmengen: Frauenquote, Mindestlohn, Wohnungsbau.
WESTERWELLE VERLANGT VON DER FDP MUT FÜR DIE ZUKUNFT
Für einen kurzen Moment war Guido Westerwelle gestern Abend auch Außenminister. Vor dem Eingang des Curio-Hauses demonstrierten ein Dutzend Menschen für die Entschädigung griechischer NS-Opfer. Auf der Wahlkampfveranstaltung der FDP im großen Saal hatten sich die Spitzenkandidatin und der Parteivorsitzende dann die Rollen gut aufgeteilt.
Katja Suding machte Wahlkampf, wie sie ihn schon oft auf Wochenmärkten der Stadt geübt hat. Sie werde sich für einen starken Hafen einsetzen, den Mittelstand der Stadt stärken und familienfreundlichen Wohnraum schaffen. Und für die Gymnasien eintreten. "Wir garantieren, dass die Einheitsschule nicht doch noch durch die Hintertür kommt", sagte Suding.
Sie redete vor den etwa 200 Zuschauern gut zehn Minuten, Westerwelle weit mehr als eine Stunde. Er gab dem Publikum an diesem Abend den liberalen Kompass mit auf den Weg. Der Chef der FDP sprach vor allem über die Geisteshaltung der Liberalen. Die Partei stehe für eine leistungsbereite, weltoffene und tolerante Gesellschaft. "Leistungsbereitschaft ist Voraussetzung für soziale Gerechtigkeit", sagte Westerwelle.
Er redete kämpferisch und blickte dabei fast nie auf sein Redemanuskript. Als er für die Gentechnik warb, brachte er das Beispiel eines zuckerkranken Kindes, dem mit neuer medizinischer Forschung geholfen werden konnte. "Wir brauchen Mut für die Zukunft und keine Angst vor dem Fortschritt", sagte Westerwelle.
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